|
Bim Köhler das Ereignis der Farbe
Dr. Tobias Hoffmann, Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt Nachdem die 70er Jahre von theorielastigen Positionen wie Konzeptkunst und Politische Kunst geprägt waren, versuchte Anfang der achtziger Jahre eine junge Künstlergeneration eine Rückbesinnung auf die Malerei. Spielten in der Konzeptkunst und im Happening die klassischen Genre Malerei und Skulptur kaum eine Rolle und war dabei vielfach nicht einmal mehr ein haptisch greifbares Kunstwerk vorhanden, so wand man sich nun unter dem Schlagwort „Radikale Malerei“ bewusst wieder diesem klassischen Genre zu. Künstler wie Günter Umberg oder Dieter Villinger thematisierten nun das Malen selbst. Nach all den gesellschaftspolitischen Theorien und Utopien der Kunst der 60er und 70er Jahre ging man zu den Wurzeln der Kunst zurück. Man wollte wieder malen und hielt es deshalb für nötig, zunächst experimentell zu erforschen, was Malerei denn eigentlich ausmacht. Die „Radikale Malerei“ thematisiert und untersucht, was Malerei im ursprünglichsten Sinne ist, nämlich Auftrag von Farbe auf einen Bildträger. Malerei wird als ein materieller Akt begriffen und die ungeheure Materialität der Farbe übt einen großen Reiz auf die Künstler aus. Farbe ist nicht einfach vorhanden, sondern entsteht erst im Akt des Malens, indem der Künstler eine Beziehung zur Farbe aufbaut. Sie wird für ihn dabei zu einem physisch präsenten Gegenüber und das Malen zu einer Einheit von Handeln und Empfinden. Die „Radikale Malerei“ löst die Farbe aus jeglichen Bedeutungskonnotationen, betont ihre eigenständige Materialität und macht sie sowohl für den Maler als auch für den Betrachter zum rein sinnlichen Erlebnis. Die Konzepte der „Radikalen Malerei“ sind der Hintergrund, vor dem die Werke von Bim Köhler zu betrachten sind. Die frühesten Arbeiten Bim Köhlers, in denen er sein künstlerisches Schaffen auf eine Auseinandersetzung mit den vielfältigen Möglichkeiten und Qualitäten der Farbe konzentriert, entstehen zwischen 1988 und 1990. Bildkorpus Farbkorpus Bim Köhlers Technik der Bewachsung hat nichts mit Enkaustik zu tun. Die Oberfläche soll nicht opak, sondern klar geradezu nass glänzend wirken. Das Wachs entwickelt keine eigene materielle Ästhetik, sondern sorgt für eine besondere visuelle Wirkung des Farbkorpus. Köhler knüpft dabei an die Tradition des Firnis an. In der altmeisterlichen Malerei wurde die Farbfläche des Bildes abschießend mit einer Firnisschicht bedeckt, die das Bild schützen, aber natürlich auch einen ganz individuellen ästhetischen Zusatzreiz vermitteln sollte. Die Zusammensetzung des Firnis war jeweils ein gut gehütetes Werkstattgeheimnis. Bim Köhler hatte in seiner Tätigkeit als Fälschungsexperte des Landeskriminalamts intensive Studien der Technikgeschichte der Malerei unternommen und wurde einer der größten Kenner traditioneller künstlerischer Praktiken. Diese für einen zeitgenössischen Künstler keinesfalls selbstverständlichen Kenntnisse lässt Köhler nun in seine eigene Kunst einfließen und zitiert dadurch die lange Tradition der Malereigeschichte. Er entwickelt einen modernen Firnis, der natürlich keinerlei Schutzfunktion erfüllt, aber für das beherrschende Thema seiner Kunst, den Farbkorpus, einen ästhetisch eigenständigen Abschluss bildet. Wie oft in der altmeisterlichen Malerei wird auch Bim Köhlers moderner Firnis zum integrativen Bildbestandteil. Mit einem weiteren Spezifikum seiner Bilder zitiert Bim Köhler die altmeisterliche Malerei. Die Oberflächen der Bildkorpusse sind nicht plan, sondern gewölbt und nach allen Seiten hin abfallend. Seit der Ikonenmalerei werden die Bildoberflächen so behandelt, um bei einem Portrait einen permanenten Blickkontakt zwischen dem Betrachter und dem Konterfei des Portraits zu bewirken. Man hat den Eindruck, dass einen der Blick nicht los lässt und die Augen eines Portraits auch von den unterschiedlichsten Standpunkten mit der gleichen Intensität den Blickkontakt zu suchen scheinen. Auf eine Irritation des Betrachters zielt auch Köhler in seinen Bildern ab. Zum einen malt er gegen die Wölbung an und möchte sie durch die Malerei ausgleichen, zum anderen nutzt er deren spezifische Wirkung. Denn eine Wölbung nimmt man zwar kaum wahr, ihre Wirkung schwingt jedoch immer mit und sorgt für Irritation des Auges in der Rezeption des Farbkorpus. Spätestens seit Josef Albers ist die Relativität von Farbe thematisiert. Farbe bedeutet somit immer das Erfassen von Nuancen. Die Bilder von Bim Köhler führen uns diese Nuancen vor Augen, indem sie den Entstehungsprozess der Farbe sichtbar machen. Die Wirkung des Bildes ist bestimmt durch den Prozess der Entstehung und die Sichtbarmachung dieses Prozesses. Durch die spezielle Technik der Bewachsung dokumentiert und konserviert Köhler Teile des Prozesses der Farbe auf dem Bild und zeigt damit wie der Farbraum aufgebaut ist, welche Schichten unter der Oberfläche liegen und welche Nuancen im Farbton mitschwingen. Das Ereignis der Farbe, die materielle Grundlage der Malerei schlechthin, wird so in einem Bild auf unterschiedliche Weisen thematisiert. |